Die Befreiung von Charkiw gelang nur mit westlichen Waffen


Die ukrainische Armee sei gut organisiert und verfüge über kluge Offiziere. Ein weiterer Vorteil: “Die Russen haben keine Taktik.” Sie glauben, sie würden durch bloße Übermacht gewinnen und verheizen ihre Soldaten einfach. Trotzdem braucht die Ukraine vor allem mehr Waffen aus dem Westen: “Kiew wurde mithilfe westlicher Waffen befreit, Charkiw wurde mithilfe westlicher Waffen befreit. Auch deutschen”, sagt er und meint das Weltkriegsmaschinengewehr vom Typ MG 42.Um die restlichen Gebiete zu befreien, brauche man mehr davon und vor allem eines: Artillerie und Drohnen.

Chinesische Drohnen enttarnen russische Stellungen

Wie effektiv das Zusammenspiel aus den leisen Spähern in der Luft und schwerem Gerät im Hinterland ist, lässt sich an Mala Rohan studieren. Der kleine Ort östlich von Charkiw wurde Anfang März von ukrainischen Kräften eingenommen. Die Angreifer machten es ihnen nicht leicht: Russische Truppen hatten sich auf einem nahe gelegenen Hügel eingegraben und ihre Panzer mit Decken getarnt. Von dort aus beschossen sie Mala Rohan und Charkiw mit Artillerie und Kampfpanzern.Ein zerstörter russischer Panzer in Mala Rohan. (Quelle: Konstantin Chernichkin/T-Online-bilder)Die ukrainischen Verteidiger brauchten eine Weile, bis sie die russischen Stellungen entdeckten, so eine Armeesprecherin gegenüber t-online. Neben Militärdrohnen halfen auch zivile Drohnen des chinesischen Herstellers DJI dabei, russische Stellungen zu enttarnen und die ukrainische Artillerie präzise auszurichten. Offiziell hat der chinesische Produzent seine Geschäfte in Russland und der Ukraine Ende April eingestellt. Kiew wirft dem Unternehmen vor, Daten über ukrainische Operationen zu leaken. Doch in Mala Rohan hat es offenbar auch den Verteidigern geholfen.Es war ein Blutbad, erzählt ein ukrainischer Soldat t-online. Fast 50 russische Angreifer fanden auf dem Hügel den Tod. Zwei von ihnen liegen noch heute dort, mit aufgerissenen Wunden an Brust und Schulter. Es riecht nach Verwesung.”Kein Wunder”, kommentiert Alexander das damalige Massaker auf dem Hügel. Viele russische Soldaten verfügten nicht einmal über ordentliche Schutzkleidung, starben daher wohl auch an vermeidbaren Verletzungen, vermutet der Dorfbewohner. Nachdem die Besatzer Mala Rohan verlassen hatten, habe er sich das zurückgelassene Equipment genau angesehen. “Statt Kevlar-Platten war in vielen Schutzwesten nur Karton drin.” Auch einen Helm habe er gefunden, der viel zu dünn gewesen sei. “Wie eine Dose.”Der Ex-Soldat lebte mehrere Wochen unter russischer Besatzung. Wenn es etwas zu besprechen gab, etwa wenn jemand Brot im Nachbardorf besorgen wollte, ging er zu den Besatzern und fragte um Erlaubnis. “Ich wusste, wie ich mit ihnen reden muss”, so der 37-Jährige.Alexander aus Mala Rohan mit t-online-Reporter Daniel Mützel vor einem zerstörten russischen Panzer. (Quelle: Konstantin Chernichkin/T-Online-bilder)Durch die vielen Besuche wurde ihm klar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die ukrainische Armee den Ort zurückerobern würde. Im Camp herrschte meist schlechte Laune, erzählt er. Die Soldaten saßen in der Nässe, froren oder betranken sich. “Sie waren überhaupt nicht motiviert und fürchteten sich vor Gegenangriffen. Ich glaube, sie wollten nur nach Hause.”Für Alexander hat sich das Image der angeblich zweitstärksten Armee der Welt endgültig zerschlagen. Für Deutschland hat er eine klare Botschaft: “Habt nicht so viel Angst. Russland ist nicht so furchterregend.” Er tritt gegen die Kette eines ausgebrannten russischen T-72, als wolle er sagen: Seht her, geht doch.

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